Städtetipp
21.07.2010
Sommerliches Wien
Den besten Blick auf Wien genießen zweifelsohne der griechische Naturphilosoph Anaxagoras, der deutsche Geologe Leopold von Buch und der Schweizer Gletscherforscher Ludwig Agassiz. Ihre Statuen stehen auf dem Dach des Naturhistorischen Museums - und Besucher können der illustren Gesellschaft hoch über den Dächern von Wien eine Visite abstatten.
Heldenplatz, Hofburg und Museumsquartier, Stephansdom und Votivkirche, Volksgarten und Rathaus, Hundertwasser-Turm und die Ausläufer des Wienerwalds - alles liegt dem Betrachter zu Füßen. Eine leichte Brise trägt die Geräusche der Stadt nach oben, das Klingeln der Straßenbahnen, das Hupen der Autos. Wie ein grünes Band zieht sich die von Platanen begrünte Ringstraße an den Prunk- und Prachtbauten vorbei, für die Wien berühmt ist.
Kunst oder Natur… das ist hier die Frage
Gleich gegenüber, hinter dem Park mit den akkurat gestutzten Buchsbüschen, erhebt sich mit dem Kunsthistorischen Museum das Pendant zum Naturhistorischen Museum. Was steht nun rechts, was links? Selbst die Wiener verwechseln gelegentlich, in welchem Bau die Kunst und in welchem die Natur zu Hause ist. "Nach einem Diebstahl ermittelte die Polizei anfangs sogar im falschen Gebäude", erzählt Margaret Stickler schmunzelnd.
Dabei wäre es ganz einfach, so die Stadtführerin, und zitiert einen Merkspruch für Wiener Grundschüler: Sonnengott Helios ist nackt und steht auf der einen Kuppelspitze für die Natur, Pallas Athene als Göttin der Künste und Wissenschaften auf der anderen Kuppel ist dagegen bekleidet.
Ob die wuchtigen Museumsbauten, das Parlament, oder die Universität von Wien - sämtliche Gebäude entstanden auf Geheiß Kaiser Franz Josephs I. Er ließ ab 1857 die alten Festungsmauern rund um die Stadt zugunsten eines Prachtboulevards abreißen. Repräsentative Gebäude sollten die so entstehende Ringstraße säumen - damals das größte städtebauliche Projekt Europas.
Bei all den strahlend weißen Prachtbauten ist es schwer zu glauben, dass sie ausnahmslos aus einfachen Ziegeln errichtet wurden - entsprechend eines Mottos, das Kaiserin Maria Theresia prägte: "Die Welt will betrogen sein." In 60 Jahren entstanden mehr als 800 Gebäude, die Ziegelfabriken vor der Stadt zogen Arbeiter aus den benachbarten Regionen an. Und so begann sich in der Folge eines kaiserlichen Befehls das soziale und gesellschaftliche Gefüge im Reich der Habsburger nachhaltig zu verändern.
Beethoven wohnte gleich um die Ecke
Reste der Stadtmauer von Wien sind heute lediglich an der Mölker Bastei zu erahnen: Die Treppen sind schmal, die Gassen kopfsteingepflastert. Gleich um die Ecke wohnte Ludwig van Beethoven. Insgesamt acht Jahre und genoss von seiner Wohnung im obersten Stock des Pasqualati-Hauses einen weiten Blick ins Grüne: Jenseits der damals noch vorhandenen Walls befanden sich einige Kilometer freie Fläche, um eventuell herannahende Feinde besser erkennen zu können. Heute schiebt sich das Universitätsgebäude ins Bild, das üppig mit allegorischen Gestalten dekoriert ist.
Der Prunk setzt sich beim Bau des Burgtheaters fort. Wer keine Karten für den berühmten Musentempel bekommen hat, dem empfiehlt Stickler die sommerlichen Freiluft-Aufführungen auf dem Rathausplatz. Im Rahmen des "Film Festival" sind bis Ende August klassische Konzerte, Opern und Operetten, aber auch Ballett, Musical und Jazz zu sehen. Im September und Oktober werden über 30 Opern- und Ballettaufführungen live am Herbert-von-Karajan-Platz vor der Oper auf einer 50 Quadratmeter großen Leinwand übertragen - in beiden Fällen Klassikgenuss zum Nulltarif.
Volksgarten: Duftende Farbenpalette
Eine duftende und farbenfrohe Oase inmitten all der weiten, strahlenden Flächen ist im Sommer der Volksgarten mit seinen zauberhaften Rosen. Black Lady steht neben Applause, Princesse neben Olympia Goldstar. Die unglaubliche Farbenpalette reicht von Rosa über Gelb, Weiß, Orange, Creme und Rot bis hin zu Lila - bis in den Herbst hinein verströmen die Blüten ihren süßen Duft.
Diese bunten Farbkleckse sind auch vom Dach des Naturhistorischen Museums zu erkennen - und bieten sich als lohnendes Pausenziel an. Vor dem Abstieg gilt es aber noch, einen Blick auf die 35 Meter hohe Kuppel des Museums zu werfen. Zwischen putzigen Tierszenen hat sich Revolutionäres versteckt: Ein Schimpanse hält einem Menschenkind den Spiegel vor - eine Wahrheit, der der Mensch entgehen will. Hinter ihm hält jedoch ein anderer Affe ein Buch mit den Worten "Darwins Abstammung des Menschen".
Quelle: SRT / Autor: Sibylle von Kamptz
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