Inseltipp
16.07.2010
Rügen: Binz gewinnt’s
Die "Nixe" ist das neueste und ausgefallenste Sterne-Restaurant an der Strandpromenade von Binz: Zum Amusebouche (kleine Vorspeise) wird Wachtelei im Heunest gereicht, für Kinder gibt es Erdbeersorbet auf einem blankpolierten Granitwürfel. Und während die Gäste den falschen Blumentopf mit Erde aus Pumpernickel probieren, dürfen sie sich auf der minimalistischen Restaurant-Terrasse mit den roten Würfelsofas bereits als Teil eines coolen Gesamtkunstwerks fühlen.
Rügen will Sylt den Rang ablaufen
Rügen ist drauf und dran, Sylt die Vorreiterrolle unter Deutschlands Ferieninseln streitig zu machen. Und Binz ist der Platz, wo das am deutlichsten wird. Vergangenes Jahr kam sogar das Luxus-Kreuzfahrtschiff MS Europa vorbei. Jetzt fehlt nur noch, dass die Sansibar (Kultrestaurant auf Sylt) in den Dünen des Binzer Paradestrands Lange Heide eine Zweigstelle aufmacht.
Beim Flair hat Deutschlands größte Insel ihr großes Vorbild ohnehin bereits überholt. Prachtvolle Villen der Bäderarchitektur kokettieren mit schattigen Holzbalkonen und verspielten Details. Alles wirkt frisch gestrichen in blütenweißem Glanz. Die Ortsbesichtigung stoppt extra bei den einzigen beiden unrestaurierten Häusern. Großes Staunen: So sah es hier vor 20 Jahren überall mal aus.
"Sind Sie eher der heiß-trockene oder der kalt-feuchte Typ?" Die Bedienung im streng ökologischen Restaurant des Artepuri Meersinn Hotels lächelt dazu so freundlich, dass man ihr die Frage nicht krumm nimmt. Und sie kann ja nichts dafür, die Küche will es wissen. Denn schließlich werden alle Speisen dort nach dem Prinzip der Bio-Gustogenese individuell gewürzt. Wer das nicht verstanden hat: Macht nichts, Hauptsache, es schmeckt und ist sehr öko.
Binz überrascht ständig aufs Neue. Fast genau vor dem Artepuri-Designerobjekt aus Glas und Stahl steht in der ersten Strandreihe die Jugendherberge des Orts. Ganz selbstverständlich behauptet sich das Ex-FDGB-Jugendheim neben den Vier- und Fünf-Sterne-Hotels. "Eine große gesellschaftliche Breite hatte Binz schon immer", formuliert es Gästeführer Klaus Boy.
Strandbad und Kurort
Wie wahr. Das größte und schickste Strandbad der deutschen Ostsee ist eben stets auch Kurort geblieben: In der Kurkonzertmuschel singt Jörg Hinz Hits von Frank Sinatra bis Howard Carpendale. Im Meer schwimmt kaum jemand, die meisten Gäste stehen einfach bis zu den Knien im Wasser, was bei Temperaturen um 17 Grad auch kein Wunder ist.
Vorm Hotel Arkona wirbt ein Plakat für die Happy Hour im Halbpension-Restaurant: Ab 20.30 Uhr heißt es "Buffet leer essen für 16,50 Euro". Und in der Strandordnung ist nachzulesen, dass Strandburgen "nicht höher als 0,30 m und nicht breiter als 3,50 m" sein dürfen.
Während die Kinder spielen, könnte man als Eltern ja ein Fahrrad mieten und losradeln: zum Schmachter See mit seinen neuen Wasserspielen, zum neuem Binz-Museum im Bahnhof der Kleinbahn "Rasender Roland" oder nach Prora, dem 4,5 Kilometer langen, nie fertig gestellten Nazi-Seebad in der Nachbarschaft.
Spannender als ein Krimi
Doch viel lustiger ist ein Ratespiel: Welche von den heutigen Häusern waren wohl früher mal alte Plattenbauten? Die Antwort ist einfach: Alles, was fünf Stockwerke und mehr hat. Denn neu gebaut werden dürfen seit der Wende nur noch drei Etagen. So blicken heute reichlich aufgehübschte Plattenbauten über die Kronen der Strandföhren.
Das und viel mehr erfährt man bei der Ortsführung durch Binz. Solche Touren sind ja meist zum Gähnen langweilig. Bei dieser hängen die Teilnehmer dagegen auch noch nach zwei Stunden an den Lippen von Ortsführer Klaus Boy: Wenn er nämlich in seiner bedächtigen Rüganer Art erläutert, wie das Ostseebad durch die Zeit während der DDR und nach der Wende kam.
Früher Wohnheim, heute Fünf-Sterne-Hotel
Nicht allen Wendegewinnlern hat das freilich nachhaltig genutzt: Der West-Unternehmer Willi Plattes beispielsweise sanierte binnen acht Jahren ein Dutzend Binzer Strandgrundstücke und baute auch noch die Apartmentanlage Dünenpark Binz. 50 Millionen Euro Reingewinn soll er damit gemacht haben. Das Geld ist allerdings längst wieder weg, angeblich hat er sich bei seinem folgenden Projekt auf Mallorca verhoben.
Das Bild von Binz prägen die rund 400 Bäderzeit-Villen. Die meisten Urlauber wohnen heute allerdings anderswo: in einer der großen Ferienanlagen am Ortsrand. Auch darüber weiß Boy Spannendes zu berichten: Gebaut wurden diese Ferienanlagen nämlich - auch wenn man ihnen das heute nicht mehr ansieht - als "Ferienkomplexe" und "Urlauberwohnheime" in den 70er-Jahren vom DDR-Gewerkschaftsbund FDGB.
Quelle: SRT / Autor: Hans-Werner Rodrian
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